Einsatz für Organspende

Das Westpfalz-Klinikum hat seit 1. April 2020 eine neue Transplantationsbeauftragte: Kerstin Mönch hat diese Aufgabe übernommen. Im Interview berichtet die Medizinerin, die zuvor bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Mainz und in Frankfurt tätig war, über ihre neuen Aufgaben und über die Organspende in Deutschland.

Was haben Sie gemacht, bevor Sie am 1. April 2020 ans Westpfalz-Klinikum kamen?
Kerstin Mönch: Ich habe 19 Jahre bei der DSO gearbeitet, zunächst als Ärztliche Koordinatorin. In dieser Funktion gehörten alle medizinischen und logistischen Belange der Organspende zu meinen Aufgaben. Nach einigen Jahren als Ärztliche Koordinatorin habe ich mich bei der DSO zunehmend um die Qualitätssicherung gekümmert, wobei vor allem das Thema Malignome und Infektionen bei Organspendern sowie die chirurgische Entnahmequalität der Organe meine großen Themen waren. In den letzten drei Jahren bei der DSO hatte ich die deutschlandweite Stabsstelle für schwerwiegende Zwischenfälle in der Transplantationsmedizin (SAE/SAR). Dazu zählt beispielsweise die Übertragung von Tumoren und Infektionen vom Spender auf den Empfänger.

Wie kam es zum Wechsel ans Westpfalz-Klinikum?
Meine Familie und ich leben seit acht Jahren in Kaiserslautern, gearbeitet habe ich aber die ganze Zeit noch in Mainz und Frankfurt. Durch eine Änderung im Transplantationsgesetz muss jedes Krankenhaus mit Intensivbetten nun einen Transplantationsbeauftragten benennen, der für seine Arbeit zeitlich freigestellt wird. Es gab hier am Standort I mit dem Intensivmediziner Dr. Oliver Haas auch vorher schon einen Transplantationsbeauftragten, der diesen Job zusätzlich zu seiner Regelarbeit ganz hervorragend gemacht hat, aber ohne zeitliche Freistellung. Das wollte der Gesetzgeber nun ändern und hat fest zu besetzende Stellen für Transplantationsbeauftragte geschaffen, die er auch voll refinanziert. Für mich ist das eine tolle Gelegenheit, meine berufliche Erfahrung hier einzubringen und auf die ungeliebte Fahrzeit nach Mainz zu verzichten.

Was sind Ihre Aufgaben hier im Haus?
Im Prinzip sind es drei Säulen. Ein Schwerpunkt liegt auf dem klinischen Bereich. Die Intensivmediziner besprechen mit mir Patienten, bei denen der Verdacht auf Hirntod vorliegt. Dabei müssen wir immer sehr genau schauen, ob jemand als Organspender infrage kommt und auch versuchen, keinen Patienten dahingehend zu übersehen. Wenn ein Patient die medizinischen Voraussetzungen für eine Organspende erfüllt, sprechen wir gemeinsam mit den Angehörigen, leiten ggf. weitere Untersuchungen ein und informieren die DSO. Die zweite und dritte Säule sind dann administrative Dinge wie die Aktualisierung unserer SOPs, regelmäßige organspenderelevante Sterbestatistiken und deren Meldungen an DSO und Gesundheitsministerium sowie Fortbildungen für Mitarbeiter aber auch für die Bevölkerung.

Wie sieht die Begleitung der Angehörigen konkret aus?
Da arbeite ich eng mit den Ärzten und Pflegekräften auf den Stationen zusammen, die die Angehörigen bereits kennen und zu denen sie Vertrauen entwickelt haben. Wenn ein Patient Zeichen des Hirntodes zeigt, sprechen wir optimalerweise gemeinsam mit den Angehörigen. Ziel ist es, den Wunsch des Verstorbenen zu klären. Falls dieser nicht bekannt ist, ist es wichtig, dass die Angehörigen eine „stabile Entscheidung“ treffen, ob für oder gegen eine Organspende – eine Entscheidung nach dem mutmaßlichen Willen und im Sinne des Verstorbenen, mit der auch sie weiterleben können. Dafür brauchen die Angehörigen Zeit. Deshalb ist es wichtig, das Thema gemeinsam möglichst schon vor der abgeschlossenen Hirntod-Diagnostik zu besprechen.

Unter welchen Voraussetzungen kann eine Organspende stattfinden?
Der irreversible Hirnfunktionsausfall (Hirntod) muss nach den Richtlinien der Bundesärztekammer zweifelsfrei festgestellt sein und es muss eine Einwilligung zur Organentnahme vorliegen. In Deutschland haben wir ja mittlerweile die so genannte Entscheidungslösung. Das heißt: Wir müssen aktiv zustimmen zu einer Organspende und man sollte möglichst zu Lebzeiten eine Entscheidung treffen. Entweder schriftlich in Form des Organspende-Ausweises oder mündlich. Wenn ein Patient sich nie dazu geäußert hat, dürfen die nächsten Angehörigen bzw. Personen in besonderer persönlicher Verbundenheit auch nach seinem mutmaßlichen Willen entscheiden. Das ist allerdings für alle Beteiligten eine sehr belastende Situation. Deshalb wäre es mein großer Wunsch, dass sich jeder zu Lebzeiten mit dem Thema beschäftigt und es mit seinen Angehörigen diskutiert. Dann hat die Familie eine gute Chance, die für den Verstorbenen richtige Entscheidung zu treffen.

Der Bundestag hat zu Beginn des Jahres eine Widerspruchslösung für Organspenden abgelehnt. Was halten Sie von dieser Entscheidung?
Ich finde es sehr schade. Und ich hatte den Eindruck, dass die Mehrheit der Bevölkerung einer Widerspruchslösung positiv gegenübergestanden hat. Ich glaube, die Widerspruchslösung hätte bewirkt, dass sich mehr Menschen mit dem Thema Organspende auseinandergesetzt und es mit ihren Angehörigen diskutiert hätten. Manche hätten eine Organspende sicher abgelehnt und aktiv widersprochen. Aber ich denke, dass eine intensive Beschäftigung mit dem Thema auch viele irreale Ängste genommen hätte und positive Entscheidungen ermöglicht hätte. Darüber hinaus hätte ich mir gewünscht, dass wir uns als Gesellschaft und Politik klar zur Organspende positionieren und sagen: Es ist eine gute Sache und wir haben alle eine Verantwortung für unsere Gesellschaft! Ich habe aber auch Respekt und Verständnis für Menschen, die ihre Organe nicht spenden möchten und die die Organspende bei dieser Regelung für sich aktiv hätten ausschließen dürfen.

Wie sieht es in Deutschland aktuell mit Organspenden aus?
Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir in Deutschland sehr wenig Spender. Im letzten Jahr waren es 932 Menschen, die knapp 3000 Organe gespendet haben. Es warten aber derzeit circa 10.000 Patienten auf eine Organtransplantation und jeden Tag sterben im Schnitt drei Menschen auf der Warteliste. In den meisten anderen Ländern sind die Organspende-Zahlen höher, unter anderem weil dort nicht nur nach dem Hirntod, sondern auch nach dem Herztod Organe gespendet werden dürfen. Insofern müssen wir alles daran setzen, jeden in Frage kommenden Patienten zu erkennen und seinen Wunsch bezüglich Organspende zu evaluieren.

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
Hier im Westpfalz-Klinikum ist im Hinblick auf die Organspende und die Transplantationsmedizin bereits alles vorhanden. Und es läuft auch ganz hervorragend – und das schon sehr lange. Die Frage ist: Wo können wir Prozesse noch weiter optimieren? Außerdem ist es mein Wunsch, das Thema Organspende weiter positiv publik und noch selbstverständlicher zu machen. Dabei werde ich auf die bestehenden Strukturen aufbauen.

Wie schalten Sie nach der Arbeit oder am Wochenende ab?
Unsere drei Kinder sind gerade auf dem Sprung in ein eigenständiges Leben. Da gibt es nicht mehr viele gemeinsame Sonntagsausflüge, das Familienleben verändert sich. Letztes Jahr habe ich endlich meinen Motorrad-Führerschein gemacht. Und jetzt nutze ich freie Zeit super gerne zum Fahren mit meinem Mann oder alleine, um an meiner Kurventechnik zu feilen. Das entspannt unglaublich. Eine Stunde Motorrad fahren und der Kopf ist wieder frei. Ansonsten gehe ich mit offenen Augen durch Kaiserslautern und Umgebung und suche nach spannenden Fotomotiven und treffe mich natürlich gern mit Freunden zu einem entspannten Abend.

Bei Fragen zum Thema Organspende wenden Sie sich bitte an unsere Transplantationsbeauftragte Kerstin Mönch.