Was ist selbstverletzendes Verhalten und wann tritt es auf?

Unter selbstverletzendem Verhalten versteht man Handlungen einer bewussten Schädigung des eigenen Körpers. Betroffene Menschen fügen ihrem Körper Schnitt- oder Ritz-Wunden zu, manche schlagen oder beißen sich, oder fügen sich absichtlich Verbrennungen zu. Hierzu zählen auch übermäßiges Essen mit Essattacken sowie gefährliche sexuelle Kontakte.

Selbstverletzendes Verhalten tritt meist erstmals im Jugendalter oder im jungen Erwachsenenalter auf. Doch auch bei erwachsenen Menschen kommt das Verhalten vor; oft dann, wenn vorher keine Behandlung erfolgt war. Das Verlangen, den eigenen Körper zu verletzen, ist häufig Symptom einer psychischen, stressbedingten Erkrankung. So tritt es auch auf in Verbindung mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung, bei posttraumatischen Belastungsstörungen (nach traumatischen Erlebnissen im Leben), Essstörungen, Alkohol- oder Drogenkonsum, oder bei Depressionen. Das Risiko, einen Suizidversuch zu unternehmen, ist bei betroffenen Personen erhöht. Unter dem Druck von starken Belastungen nimmt das Verhalten oft zu; Beispiele sind Angst vor Prüfungen, Sorgen um Ausbildung oder Arbeitsplatz, oder das Wegfallen von Treffen mit Freunden, wie jetzt in Zeiten der Corona-Krise.

Warum verletzen sich manche Personen selbst?

Durch den Schmerz der Selbstverletzung kommt es häufig für die Betroffenen zu einer kurzfristigen Erleichterung von überwältigenden emotionalen Zuständen. Es ist also der Versuch, sich aus einem starken unangenehmen Gefühlszustand zu befreien. Es dient den Betroffenen kurzfristig zur Emotionsregulation bzw. als Mechanismus zur Spannungsabfuhr. Aber auch Aspekte wie Selbstbestrafung, Ausdruck eigener Abwertung, und Wut gegen sich selbst können eine Rolle spielen. Vor allem die Gefühle von Wertlosigkeit, sich zu schämen sowie inneren Druck und Schmerz zu spüren sind kaum für die Betroffenen aushaltbar.

Ein anderer Auslöser kann das Gefühl von Taubheit und innerer Leere sein, aus dem die Betroffenen entkommen möchten. Selbstverletzendes Verhalten wird als Versuch eingesetzt, dieses Erleben von Dissoziation und Depersonalisation zu beenden, um sich wieder selbst zu spüren.

Kurzfristig führt die Verletzung des eigenen Körpers bei den Betroffenen also zu einem Nachlassen des negativen Gefühlszustandes, in dem sie sich befinden. Langfristig bleiben jedoch Emotionen wie Scham- und Schuldgefühle bestehen, die dann in einen Teufelskreis mit mehr selbstverletzendem Verhalten führen.

Hilfe zum Umgang mit selbstverletzendem Verhalten

Was kann ich tun, wenn ich selbst betroffen bin?

Selbstverletzendes Verhalten geht meist mit überwältigenden negativen Gefühlen einher. Die Selbstverletzung ist oft der Versuch, sich aus diesen überwältigenden Gefühlen und dem damit einhergehenden psychischen Druck zu befreien; leider mit häufig längerfristigen negativen Auswirkungen, wie z.B. Schnittverletzungen. Ziel ist zu lernen, diese Gefühle an das unter Kontrolle zu bekommen.

Denken Sie dran:

Alle Gefühle sind aushaltbar und gehen immer vorbei! Sie haben die Gefühle früher auch ausgehalten.

Wenn der Drang zur Selbstverletzung groß ist:

Wenn Sie sich in einem akuten inneren Anspannungszustand befinden, gibt es hilfreiche „Skills“, um den Drang zur Selbstverletzung zu reduzieren, und sich wieder „ins Hier und Jetzt“ zu holen. Wenn möglich, versuchen Sie zunächst zu spüren, welches Gefühl den Druck, sich selbst zu verletzen, begleitet. (Siehe auch hilfreiche Skills auf unserer Homepage)

Bei innerer Leere oder Taubheit: kalt duschen (nicht heiß, Verbrennungsgefahr!), kaltes Wasser über Gesicht oder Arme laufen lassen, Peperoni, Chili, Meerrettich oder Ingwerwurzel kauen, Eiswürfel zerdrücken, Gummibänder am Arm schnalzen lassen, Igelbälle/kleine Bürsten oder mit Sand gefüllte Luftballons fühlen, kleine Steine in die Schuhe legen, Duft-Öle riechen.

Bei Wut oder Unruhe: Sport treiben, laute Musik hören oder dazu zu tanzen, auf einen Box-Sack oder auf ein Kissen schlagen, ein Laken oder ein Telefonbuch zerreißen, Stöcke zerbrechen oder Eiswürfel zerschmettern. Auch das Formen und wieder zerstören von Knetmasse kann hilfreich sein. Versuchen Sie, die unangenehm besetzte Situation zu verlassen, z.B. raus zu gehen und laut zu schreien.

Wenn depressive Gefühle oder Traurigkeit den Druck sich selbst zu verletzen begleiten, ist es hilfreich, gut mit sich selbst umzugehen. Das kann z.B. durch das Hören von ruhiger Musik geschehen, durch eine Massage, oder ein Duft-Bad mit Kerzenlicht. Gönnen Sie sich etwas Leckeres zu essen. Pflegen Sie die verletzten Bereiche mit einer Creme. Auch, Sich-schön-machen und seine liebsten Kleider anziehen, hilft. Arrangieren Sie ein Treffen mit einem Menschen, der Ihnen gut tut.

Entspannungs-Techniken oder Yoga helfen, den Anspannungszustand zu reduzieren. Hier finden Sie Anleitungen für Entspannungstechniken auf unserer Website.

Auch Ablenkungen wie etwas Neues erlernen (es finden sich viele Anleitungen im Internet!), Backen, Lesen, Schreiben, Handarbeiten, Kreuzworträtsel oder einen schönen Film gucken, können hilfreich sein, wenn sich der Druck meldet.

Gedankliche Skills:

Nehmen Sie Ihr Gefühl bewusst wahr, und nehmen Sie es an (Akzeptanz): „Ich spüre jetzt ganz stark den Druck und das Verlangen zur Selbstverletzung, und ich werde den Kampf dagegen aufnehmen“; „Wenn ich jetzt nicht nachgebe, lernt mein Gehirn und mein Körper, dass es auch ohne geht“

Bestärken Sie sich, indem Sie sich „anfeuern“: „Ich habe schon andere schwierige Situationen überstanden“, „Ich werde dem Drang nicht nachgeben, weil…“, „Wenn ich den Druck überstanden habe, werde ich mich belohnen mit…“

Sie können das Gefühl „abreiten“ (Wellenreiten): Nehmen Sie den Druck /das Verlangen als eine Welle wahr, die kommt und wieder geht, die langsam größer wird, bis sie sich irgendwann bricht und dann allmählich ausläuft. Diese Welle können Sie „abreiten“, wie ein guter Wellenreiter: er geht mit der Welle, er kämpft nicht gegen sie an.

Sprechen Sie über den (akuten) Druck mit anderen Menschen (vertraute Angehörige, Freunde, Therapeuten, Telefonhotlines siehe unten)! Es ist gut, schon im Vorfeld zu wissen, an wen Sie sich wenden können, wenn es Ihnen schlecht geht. Klären Sie vorher mit einer Person ab, ob sie Ihnen dann zur Verfügung stehen will.

Was kann ich vorbeugend tun, um mir selbst zu helfen?

Es gibt viele „Kleinigkeiten“ im Alltag, die vorbeugend gegen negative Gefühle und Stress helfen:

  • Regelmäßige und ausreichende Bewegung: Joggen, Tanzen (auch zuhause!), Fahrradfahren, Fitness-Übungen (es gibt eine Vielzahl an Apps und Online-Trainings-Angeboten im Internet).
  • Regelmäßiges Kontakt-Halten zu Freunden und Familie (in Corona-Zeiten vor allem über digitale Medien).
  • Gesunde und ausgewogene Ernährung (viel Gemüse und Obst)
  • Ausreichender und regelmäßiger Schlaf
  • Vermeidung von Alkohol und Drogen
  • Regelmäßig Atemübungen, Entspannungs- oder Achtsamkeits-Übungen machen. Hier finden Sie Anleitungen für Entspannungstechniken auf unserer Website. Dazu ist es erforderlich, diese Techniken regelmäßig zu üben. Erst dann können sie Ihnen auch in einer akuten Anspannungssituation effektiv helfen.
  • Gefühle kreativ umsetzen (Kurzgeschichten oder Tagebuch schreiben, Malen, Musizieren wie z.B. laut singen, Modellieren mit Ton)
  • Sich selbst Mut machen, indem Sie positiv mit sich sprechen
  • Wenn es notwendig ist, bitten Sie andere Menschen um Hilfe!

Vermeiden Sie Dinge, die mit dem Drang, sich selbst zu verletzen in Verbindung stehen, wann immer es möglich ist. Das können z. B. Orte (Badezimmer), Werkzeuge (Rasierklingen oder ähnliches), aber auch Gerüche oder Bilder sein, die Sie daran erinnern. Gibt es bestimmte Situationen oder Umstände, die Sie anfällig dafür machen? Versuchen Sie diese zu meiden oder zu verändern. Führen Sie dazu ein Protokoll, um Ihr Verlangen und die Situationen, in denen es auftritt, besser kennenzulernen. Wenn Sie Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen haben, finden Sie hilfreiche Kommunikationshilfen auf unserer website.

Packen Sie sich Ihren „Notfallkoffer“

Dies ist hier ganz wörtlich gemeint. Das kann eine kleine Tasche oder ähnliches sein. Sie soll drei oder vier Dinge enthalten, die Ihnen in akuten Anspannungs-Situationen „erste Hilfe“ leisten können: Welche „Skills“ beruhigen Sie unter Hochstress am effektivsten? Was lenkt Sie ab? Jeder hat seine ganz persönlichen Dinge, die am besten helfen. Sie können Ihren „Notfallkoffer“ stets bei sich tragen, oder ihn an einem Ort platzieren, wo er immer zugänglich ist.

Ein Notfallkoffer könnte z.B. gefüllt sein mit einem Igel-Ball, Chilischoten zum Kauen, Fisherman’s Friend, einer Achtsamkeits-CD, und einer wichtigen Telefonnummer.

Andere Beispiele sind: Chili-Weingummi, Center Shocks (Kaugummis mit sehr saurem Kern) oder Ahoi Brause (Schmecken); Knete, oder Luftballons gefüllt mit Sand, Gummibänder für die Handgelenke (schnalzen lassen), kleine Bürsten zum Sensibilisieren der Haut (Fühlen); eine CD mit Musik, die der Stimmung entgegen wirkt (Hören); Ammoniak oder Duft-Öl (zum Riechen).

Langfristig ist es jedoch sinnvoll, sich dem emotionalen Erleben, das hinter diesem Drang steht, zuzuwenden. Dies kann durch eine ambulante Psychotherapie, oder bei schwereren Krisen auch durch einen stationären Klinikaufenthalt erfolgen. Die therapeutischen Verfahren orientieren sich dabei an der jeweils vorliegenden Grunderkrankung oder Störung. Zum Beispiel wird bei einer kognitiven Verhaltenstherapie dem Betroffenen geholfen, Auslöse-Momente zu identifizieren und neue Strategien zur Bewältigung belastender Situationen und zu erlernen. Für eine Überweisung zum Psychotherapeuten oder in eine Klinik wenden Sie sich an Ihren Hausarzt.

Wie verhalte ich mich als Angehöriger oder Freund?

Es ist für beide Seiten nicht leicht, mit der Situation umzugehen. Selbstverletzendes Verhalten ist keine Aufmerksamkeits-Suche, sondern spiegelt eine tiefe Beeinträchtigung des Selbst des Jugendlichen oder Erwachsenen wider, und sollte als ernstzunehmendes Zeichen innerer Qualen gewertet werden. Verstehen Sie das selbstverletzende Verhalten als Hilfegesuch. Das Wichtigste ist, dass Eltern oder Freunde nicht gegen den Betroffenen arbeiten, sondern ihm ehrliches, respektvolles Interesse entgegenbringen. Bewahren Sie Ruhe. Seien Sie sich auch Ihrer eigenen Betroffenheit (Hilflosigkeit, Wut, Trauer etc.) bewusst. Suchen Sie das direkte Gespräch unter vier Augen mit dem Betroffenen. Nehmen Sie sich Zeit, respektvoll nachzufragen (Warum? Welche Auslöser? Wie?), setzen Sie den Betroffenen nicht zum Gespräch unter Druck. Falls nötig, versorgen Sie die Wunde ohne Überreaktion. Zeigen Sie Verständnis dafür, dass der Betroffene wirklich nicht weiß, wie er alternativ reagieren kann. Zeigen Sie Akzeptanz ohne Vorwurf, bieten Sie Präsenz an, und motivieren Sie den Betroffenen, proffessionelle Hilfe anzunehmen. Bieten Sie evtl. an, die Person zum Termin zu begleiten (Vertrauenslehrer, Beratungsstelle, Arzt, Psychologe).

Literatur:

Bohus/Wolf: Interaktives SkillsTraining fur Borderline-Patienten. c Schattauer Verlag 2009