Sehnen-Verletzungen

Unter einer Sehne versteht man den bindegewebige Teil des Muskels, durch den dieser mit einem Knochen verbunden ist. Dabei überzieht die Sehne ein oder mehrere Gelenke und bewegt diese bei Anspannung des Muskels je nach Lokalisation am Körper (Streckung oder Beugung). Sehnen bestehen wie alle Binde- und Stützgewebe aus Zellen und einer Interzellularsubstanz, in die hauptsächlich kollagene Fasern (Kollagen Typ I und Typ III) eingelagert sind und damit den Sehnen ihre Festigkeit geben. Umgeben sind sie von der „Sehnenhaut“ (Peritendineum). Eine Sehne besteht aus parallel verlaufenden Bindegewebsfasern (kollagenes Bindegewebe), die zu Bündeln vereinigt sind. In den Sehnen selbst befinden sich nur wenige Blutgefäße und Nerven (sog. bradytrophes Gewebe), was die schlechte Regenerations- und Heilungsfähigkeit erklärt. Verletzungen von Sehnen treten im Rahmen von Unfällen als direkte Gewalteinwirkung auf (= traumatischer Sehnenriss) wie auch aufgrund chronischer Schädigungen durch einen fortschreitenden Sehnenverschleiss (= degenerativer Sehnenriss). Daneben können entzündliche Erkrankungen (Chronische Polyarthritis), Stoffwechselerkrankungen (Diabetes mellitus, Gicht) oder bestimmte Medikamente (Kortison, Antibiotika) Sehnenschäden hervorrufen, die dann unter Belastung zu einem Riss der Sehne führen. Folge ist in der Regel eine fehlende oder zumindest stark eingeschränkte Bewegungsfähigkeit des von der Sehne überspannten Gelenks. Bei Rissereignissen unter Belastung berichten die Betroffenen häufig von "peitschenknallartigen" Geräuschen, insbesondere im Bereich der Achillessehne. 

Begriffsbestimmung

  • Rotatorenmanschette: Setzt am Oberarmkopf und Schulterblatt an; bewegt den Oberarmkopf im Schultergelenk: Einwärtsbewegung (M. subscapularis); Auswärtsdrehung und Rückwärtsführung des Armes (Mm. supra-/ infraspinatus, M. teres minor); weitere Informationen hier).
  • Lange (obere) Biceps-Sehne: Verbindung von Schulterpfanne zum großen Oberarmbeugemuskel (M. biceps); beugt im Ellenbogengelenk.
  • Untere Biceps-Sehne: Verbindet den Oberarmbeugemuskel (M. biceps) mit der Speiche am Unterarm; beugt im Ellenbogengelenk und dreht den Unterarm nach außen
  • Quadriceps-Sehne: Größte Sehne des menschlichen Körpers; verbindet die Oberschenkelstreckmuskulatur (M. quadriceps) mit der Kniescheibe
  • Patellar-Sehne: Verbindet die Kniescheibe mit dem Unterschenkel und leitet den Zug der Kniestreckmuskulatur auf das Schienbein weiter
  • Achillessehne: Stärkste Sehne des menschlichen Körpers; verbindet die Wadenmuskulatur (M. gastrocnemius, M. soleus) mit dem Fersenbein und beugt im oberen Sprunggelenk

Diagnostik

Zur genauen Diagnostik der gelenknahen Sehnenverletzungen zählen folgende Untersuchungsverfahren:

  • Klinische Untersuchung einschließlich Überprüfung des Gefäß- und Nervenstatus
  • Röntgenuntersuchung der benachbarten Gelenke
  • Standardisierte Sonographie der Sehne
  • Kernspintomographie (MRT) zur Darstellung von Sehnen und Muskeln
  • Computertomographie (CT) zur Abklärung spezieller Fragestellungen

Konservative Therapie

Zur konservativen Behandlung bei Rissen der großen Körpersehnen eignen sich im Prinzip nur der nicht-dehiszente Riss der Achillesehne oder wenn z.B. bei Rissen im Bereich der Rotatorenmanschette oder der Bicepssehnen kein erhöhter Anspruch auf Belastbarkeit und Bewegung gestellt wird. Lässt sich sonographisch kein wesentlicher Abstand der Achillessehnen-Enden im Rissbereich feststellen, kommt durchaus eine konservative Behandlung mit entsprechenden Orthesen in Frage. Dabei wird der Fuß zunächst in eine Spitzfußstellung gebracht, um Zug von der Achillessehne abzuhalten und die Heilung zu ermöglichen. Mit Unterarmgehhilfen und einem entsprechenden Thromboseschutz wird der Patient voll mobilisiert. In gestaffelten Abständen erniedrigt man die Spitzfussstellung bis in die Neutralstellung. Anschließend erhält der Patient noch für einige Zeit elastische Fersenkissen bis zum Abschluss der Behandlung. Gelegentlich berichten Patienten über eine Kraftminderung im Unterschenkel nach konservativer Behandlung. Abrisse der langen (oberen) oder unteren Bicepssehne sind durchaus eine Option für die nichtoperative Behandlung. Allerdings kommt es dabei zu bleibenden Formveränderungen durch Tiefer- oder Höhertreten des Oberarmmuskels mit Konturveränderung des vorderen Oberarms, die von manchen Patienten als störend empfunden werden. Gleichzeitig ergibt sich eine Kraftminderung der Unterarmbeugung im Ellenbogengelenk, sodass sich eine konservative Behandlung bei der Ausübung von kraftbetonten Berufen oder bei Sportlern nicht empfiehlt.

Operative Therapie

Schultergelenk

Verletzungen von Sehnen im Schultergelenkbereich betreffen die Rotatorenmanschette sowie den oberen Ansatz der Bizepssehne. Weitere Informationen zu diesem Themenkomplex finden Sie auf der Seite Schulter-Chirurgie.

Oberarm

Verletzungen der langen oberen (= proximalen) Bicepssehne an ihrem Ansatzpunkt an der Schultergelenpfanne (= SLAP-Läsion) sowie Abrisse innerhalb des Schultergelenks mit schmerzhaftem Sehnenstumpf werden in der Regel arthroskopisch angegangen. Weitere Informationen finden Sie hier. Für die Befestigung der langen Bicepssehne zur Vermeidung von Kraftminderung sowie Ausbildung eines sog. "Popeye-Muskels" gibt es verschiedene Operationsverfahren (Bicepssehnen-Tenodese im Sulcus bicipitalis, Schlüsselloch-Plastik, Vernähen mit der oberen kurzen Bicepssehne etc.)

Abrisse der unteren (= distalen) Bicepssehne führen zu einer oft erheblichen Minderung der Beugekraft im Ellenbogengelenk sowie der Auswärtsdrehung des Unterarmes, so dass heute in der Regel eine Refixierung mit Titanknochenankern durchgeführt wird. Weitere Operationsverfahren mit Durchzug der Sehne durch die Speiche etc. sind ebenfalls möglich.

Kniegelenk

Risse der Quadricepssehne oder der Patellarsehne stellen aufgrund des vollständigen Ausfalls der Kniestreckung und der daraus resultierenden Knieinstabilität eine Indikation zur operativen Sehnennaht oder Reinsertion bei knöchernen Ausrissen aus der Kniescheibe = Patella ) dar, um die Gehfähigkeit des Patienten zu erhalten. Knöcherne Ausrisse werden mit Drahtcerclagen an der Kniescheibe befestigt oder durch den Knochen führende (= transossäre) Nähte angenäht. Bei Verletzungen der Patellarsehne schützt eine Drahtschlinge (McLaughlin-Schlinge) die genähte Sehne für mehrere Wochen. Zusätzlich können resorbierbare dicke Fäden (PDS-Kordeln) als zusätzlicher Schutz (= Augmentation) eingebracht werden.

Unterschenkel

Risse der Achillessehne stellen bei sonographisch nachgewiesenen Sehnendehiszenz eine Indikation zur Sehnennaht dar. In Bauchlage erfolgt über kleine Stichinzisionen die minimal-invasive Readaptation mittels einer PDS-Kordel. Seltener ist die offene Sehnenrevision (meist bei Voroperationen oder traumatischen Sehnenverletzungen) mit Eröffnung der Sehnenscheide (= Peritendineum), Naht der Sehne und ggf. Verstärkung durch die Sehne des Plantarismuskels.

Fuß

Traumatisch bedingte Verletzungen der Streck- und Beugesehnen des Fußes stellen eine absolute Indikation zur operativen Revision und Naht dar, um die Trag- und Bewegungsfunktion des Fußes zu erhalten. Degenerativ-entzündlich bedingte chronische Veränderungen von Sehnen des Fußes (z.B. M. tibialis posterior - Sehne) führen zu Formveränderungen und Fehlbelastungen, so dass auch hier rekonstruktive Weichteil- und/oder knöcherne Eingriffe als Kombinationseingriffe notwendig werden.

Nachbehandlung

Sehnen zeigen aufgrund ihrer schlechten Blutversorgung und bei schweren degenerativen Vorveränderungen ein deutlich verzögertes Heilungsverhalten als andere Bindegewebsstrukturen des Körpers (bradytrophes Gewebe). Dem ist nach der operativen Versorgung Rechnung zu tragen. Wenn irgend möglich, erfolgt eine frühfunktionelle Nachbehandlung in entsprechenden Orthesen und eine physiotherapeutische Übungsbehandlung der beteiligten Gelenke zur Vermeidung von Einsteifungen. Der Mobilisierungsgrad ist im Einzelfall zu entscheiden. Insgesamt ist mit einem 12-wöchigen Behandlungsverlauf zu rechnen; Sportfähigkeit wird in der Regel erst nach ca. 1/2 Jahr wieder erreicht.