Das Fachgebiet der "Unfall- und Wiederherstellungschirurgie" beschäftigt sich hauptsächlich mit der Versorgung von Knochenbrüchen (= Fraktur) und Verrenkungen (= Luxation) des gesamten Stütz- und Bewegungsapparates einschließlich aller dabei begleitend auftretenden Weichteilverletzungen. Dabei kommen sämtlichen modernen Osteosyntheseverfahren (Schrauben, winkelstabile Platten, Nägel), Endoprothesen (= künstlicher Gelenkersatz) sowie das gesamte Spektrum der Weichteilchirurgie zum Einsatz. Wir möchten Ihnen in den einzelnen Kapiteln einen Einblick in unsere Arbeit geben und Ihnen die Möglichkeiten der aktuellen Traumabehandlung aufzeigen:

Knochenbruch

Brüche des Schaftes langer Röhrenknochen (Oberarm/Unterarm; Oberschenkel/Unterschenkel) stellen schwere Verletzungen des Patienten dar und führen aufgrund der langen Hebel zur sofortigen schmerzhaften Gebrauchsunfähigkeit. Bei Brüchen des Oberarm- und Oberschenkelknochens verhindert ein kräftiger Weichteilmantel mit der Muskulatur in der Regel offene Knochenbrüche. Komplexe Verletzungsmuster mit allen begleitenden Komplikationen finden sich dagegen häufiger an Unterarm und Unterschenkel. Insbesondere bei polytraumatisierten Patienten liegen oft mehrere Verletzungen eines Knochens (= Etagenverletzung) oder einer Extremität (= Kettenverletzung) vor; schwerwiegend ist die bilaterale Verletzung von Armen und/oder Beinen.

Sowohl die Diagnostik wie auch die Entscheidung des Behandlungsverfahrens und dessen Durchführung erfordern viel Erfahrung sowie die Möglichkeit, auf alle technisch notwendigen Therapieoptionen zugreifen zu können. Dazu zählen im operativen Bereich das Vorhandensein von speziellen Nagelsystemen, winkelstabilen Platten sowie des Fixateur externe. Bei Weichteilschäden oder Kompartmentsyndromen sind die entsprechenden diagnostischen und notfallmäßigen therapeutischen Maßnahmen erforderlich.

Diagnostik

Die Diagnostik umfaßt neben der eingehenden klinischen Untersuchung zur Erfassung von Begleitverletzungen wie Muskelrissen, Gefäß- und Nerven-Verletzungen sowie Beurteilung des Weichteilmantels (Kompartmentsyndrom!) eine konsequente Röntgendiagnostik mit Abbildung des Knochenschaftes incl. beider benachbarter Gelenke. Diese ist sehr wichtig, um das genaue Ausmaß des Bruches zur Entscheidung bzgl. einer konservativen oder operativen Versorgung zu treffen und im Fall einer Operation das detaillierte intraoperative Vorgehen sowie das zu wählende Stabilisierungsverfahren sicher bestimmen zu können.

  • Klinische Untersuchung
  • Konventionelle Röntgenaufnahmen in zwei Ebenen
  • (Computertomographie)
  • (Kernspintomographie)
  • (Drei-Phasen-Knochenszintigramm)

Konservative Therapie

Die konservative Behandlung von Schaftbrüchen der langen Röhrenknochen ist eher eine Domäne der Kindertraumatologie, da hier die Heilungsvorgänge viel schneller und anders als im Erwachsenenalter ablaufen (siehe Kinder-Traumatologie). Im Erwachsenenalter kommen aufgrund der langen erforderlichen Ruhigstellungszeiten der zwei benachbarten Gelenke nur Knochenrisse (= Fissuren) oder völlig unverschobene Quer- bis kurze Schrägbrüche an der unteren Extremität in Frage, die in einem speziellen Gips sofort voll belastet werden können. An der oberen Extremität ergeben sich Indikationen zur konservativen Behandlung des Oberarmknochens, während die nichtoperative Behandlung am Unterarm regelhaft zur Fehlheilung (= Pseudoarthrose) führt. Brüche kleiner Knochen am Schultergürtel, der Hand und des Fußes können dagegen öfters, sofern sie nicht wesentlich verschoben sind, im ruhigstellenden Verband ausbehandelt werden.

Operative Therapie

Ziel der operativen Versorgung von Knochenschaftbrüchen ist die schnellstmögliche Belastbarkeit der verletzten Extremität unter Vollbelastung; abgestufte Therapieziele sind die Teilbelastbarkeit oder zumindest die Übungsstabilität. Hierzu werden bevorzugt Nagelsysteme, weniger winkelstabile Platten und zum Knochenaufbau entweder körpereigener Knochen oder Ersatzknochen verwendet. Kann eine Sofortversorgung des Knochenschaftes, z.B. bei polytraumatisierten Patienten nicht umgehend erfolgen oder liegen begleitende schwere Weichteilbeschädigungen vor, wird zunächst eine geschlossene Bruchreposition und passagere Ruhigstellung in einem (Gips-)Verband oder mittels Fixateur externe durchgeführt und eine definitive Versorgung nach Stabilisierung des Verletzten.

Besonders wichtig bei der Bruchversorgung ist die sorgfältige Beachtung der den Knochen umgebenden Weichteile zu schenken und eine Missachtung von Weichteilschwellung, Quetschungen oder Ablederungsverletzungen im weiteren Verlauf zu schweren Komplikationen wie Absterben der Weichteile (Kompartmentsyndrom!), Infektionen oder ausbleibender Bruchheilung führen können.

NACHBEHANDLUNG

Die konservative Behandlung von Knochenschaftbrüchen erfordert in der Regel eine lokalisationsabhängige Ruhigstellung, wobei an der oberen Extremität eher frühfunktionell nachbehandelt werden kann als an der unteren Extremität, die die Körperlast tragen muss und dort sekundäre Verschiebungen naturgemäß eher drohen. Nach operativer Versorgung mit Nagelsystemen, winkelstabilen Platten oder Fixateur externe bestimmt das Bruchausmaß das weitere Vorgehen. Intramedulläre Kraftträger wie Marknägel erlauben in der Regel eine Teilbelastbarkeit, manchmal auch eine sofortige Vollbelastung des Beines. Wurden Platten oder der Fixateur externe zur Osteosynthese verwendet, muss im Einzelfall entschieden werden.

So früh wie möglich wird unter physiotherapeutischer Anleitung eine Beübung der betroffenen Gliedmaße durchgeführt, wobei insbesondere auch den benachbarten Gelenken intensive und langfristige Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, um ein gutes funktionelles Ergebnis zu erreichen. Hierzu ist insbesondere bei komplexen und Mehrfachverletzungen eine ambulante oder stationäre Rehabilitationsbehandlung erforderlich. Je nach Bruchform benötigt die Ausheilung bis zu 12 Wochen oder noch länger.

Heilungsstörungen des Knochens (= Pseudoarthrose) kommen bevorzugt am Schienbeinknochen am Übergang vom mittleren zum unteren Drittel vor und erfordern oft weitere operative Maßnahmen (siehe Fehlheilung - Fehlstellung). Eine Metallentfernung sollte nicht vor Ablauf von 1 1/2 Jahren erfolgen, um einen erneuten Bruch an selber Stelle (= Refraktur) zu vermeiden. Inwieweit eine Metallentfernung überhaupt erforderlich ist, hängt vor allem vom Alter des Patienten ab; bei jüngeren Patienten sollte sie allerdings immer erfolgen, da sich die Entfernung der verwendeten Titan-Implantate nach vielen Jahren oft sehr schwer gestaltet.

Gelenkbruch/gelenknaher Bruch

Der gelenknahe und Gelenkbruch großer Gelenke (Schultergelenk, Ellenbogengelenk, Handgelenk, Hüftgelenk, Kniegelenk, Oberes/unteres Sprunggelenk) wie auch kleiner Gelenke (Hand, Finger, Fuß, Zehen; siehe hierzu die Abschnitte Hand-Chirurgie und Fuß-Chirurgie) stellen für den Patienten eine erhebliche Verletzung dar, da neben dem Knochen oft erhebliche Verletzungen des Gelenkknorpels, des Kapsel-Band-Apparates sowie des umgebenden Weichteilmantels auftreten. Gleichzeitige Gefäß- und Nerven-Verletzungen sind weniger häufig vorzufinden, aber immer schwere Begleitkomplikationen.

Sehr wichtig für das Behandlungsergebnis, sei es konservativ oder operativ - ist die exakte Wiederherstellung der Gelenkfläche sowie die achsengerechte Gelenklinienstellung zum Knochenschaft. Jede Abweichung beeinträchtigt letztendlich den Bewegungsumfang und begünstigt die Entstehung einer sog. "posttraumatischen" Gelenkarthrose. Sowohl die Diagnostik wie auch die Entscheidung des Behandlungsverfahrens und dessen Durchführung erfordern viel Erfahrung sowie die Möglichkeit, auf alle technisch notwendigen Therapieoptionen zugreifen zu können. Dazu zählen im operativen Bereich das Vorhandensein von winkelstabilen Platten, speziellen Nagelsystemen sowie zur endoprothetischen Versorgung (= künstlicher Gelenkersatz) die entsprechenden Prothesensysteme. Zur Versorgung von Knorpelschäden müssen die erforderlichen Verfahren durchführbar sein.

Diagnostik

Die Diagnostik umfaßt neben der eingehenden klinischen Untersuchung zur Erfassung von Begleitverletzungen wie Kapsel-Band-Rissen, Gefäß- und Nerven-Verletzungen sowie Beurteilung des Weichteilmantels eine konsequente Röntgendiagnostik. Diese ist sehr wichtig, um das genaue Ausmaß des Bruches zur Entscheidung bzgl. einer konservativen oder operativen Versorgung zu treffen und im Fall einer Operation das detailierte intraoperative Vorgehen sowie das zu wähllende Stabilisierungsverfahren sicher bestimmen zu können.

  • Klinische Untersuchung
  • Konventionelle Röntgenaufnahmen in 2 Ebenen (ggf. Spezialprojektionen/konventionelle Tomographie)
  • Computertomographie (CT) mit 3-D-Rekonstruktion
  • Kernspintomographie (MRT)
  • (Knochenszintigraphie)

Konservative Therapie

Unverschobene gelenknahe und Gelenkbrüche können durchaus konservativ behandelt werden, sofern sie nicht lange in einem immobilisierenden Verband ruhiggestellt werden müssen und frühfunktionell behandelt werden können. Eine operative Stabilisierung mit ihrem OP- und Narkoserisiko würde in diesen Fällen keinen Vorteil bringen. Auch bei erheblicher Vorerkrankung des Patienten können Gründe vorliegen, die eine operative Versorgung verbieten.

Operative Therapie

Ziel der operativen Versorgung von gelenknahen und Gelenkbrüchen ist die stufenfreie Wiederstellung der Gelenkfläche bzw. achsgerechte Gelenkflächenstellung, um Sekundärschäden wie Bewegungseinschränkung oder Knorpeluntergang mit Arthroseentstehung zu verhindern. Hierzu werden winkelstabile Platten, Nagelsysteme und zum Knochenaufbau entweder körpereigener Knochen oder Ersatzknochen verwendet. Kapsel-Band-Verletzungen müssen unbedingt in gleicher Sitzung mitversorgt werden ebenso wie Knorpeldefekte.

Kann eine Sofortversorgung des Gelenks z.B. bei polytraumatisierten Patienten nicht umgehend erfolgen oder liegen begleitende schwere Weichteilbeschädigungen vor, wird zunächst eine geschlossene Bruchreposition und passagere Ruhigstellung in einem (Gips-) Verband oder mittels Fixateur externe durchgeführt. Bei vollständiger Gelenkzerstörung oder in Sonderfällen ist ein endoprothetischer Gelenkersatz nicht zu vermeiden bzw. die für den Patienten bessere Möglichkeit zur Frühmobilisierung und -belastung. Besonders wichtig bei der Bruchversorgung ist die sorgfältige Beachtung der das Gelenk umgebenden Weichteile zu schenken, da hier in der Regel ein kräftiger Muskelmantel fehlt und eine Missachtung von Weichteilschwellung, Quetschungen oder Ablederungsverletzungen im weiteren Verlauf zu schweren Komplikationen wie Absterben der Weichteile, Infektionen oder ausbleibender Bruchheilung führen können.

Nachbehandlung

Die konservative Behandlung von gelenknahen und Gelenkbrüchen erfordert in der Regel eine lokalisationsabhängige Ruhigstellung, wobei an der oberen Extremität eher frühfunktionell nachbehandelt werden kann als an der unteren Extremität, die die Körperlast tragen muss und dort sekundäre Verschiebungen naturgemäß eher drohen. Nach operativer Versorgung mit winkelstabilen Platten oder Nagelsystemen bestimmt das Bruchausmaß das weitere Vorgehen. Ausgedehnte Gelenkflächenbrüche (= intraartikuläre Frakturen) oder große Trümmerzonen unterhalb der Gelenkfläche limitieren eine frühzeitige Belastung, erlauben aber häufig eine frühfunktionelle Nachbehandlung zur Vermeidung einer Gelenkeinsteifung und eines ruhigstellungsbedingten Muskelabbaus. Liegen allerdings Gelenkdefekte mit Aufbauplastik und/oder Zustand nach Versorgung ausgedehnter Kapsel-Band-Instabilitäten vor, ist eine Ruhigstellung des Gelenks zur Ausheilung erforderlich.

So früh wie möglich wird unter physiotherapeutischer Anleitung eine Beübung des betroffenen Gelenks durchgeführt, wobei insbesondere dem Schulter-, Ellenbogen- und Kniegelenk intensive und langfristige Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, um ein gutes postoperatives Ergebnis zu erzielen. In der Regel schließt sich hierzu an den stationären Krankenhausaufenthalt eine ambulante oder stationäre Rehabilitationsbehandlung an. Bei Gelenkflächenbrüchen sollte auch nach knöcherner Ausheilung eine fachärztliche Kontrolle erfolgen, um frühzeitig sich sekundär entwickelnde Bewegungsstörungen und Knorpelschäden zu erkennen und ggf. rechtzeitig korrigieren zu können.

Eine Metallentfernung kann je nach Bruchlokalisation nach 1/2 bis einem Jahr durchgeführt werden. Inwieweit eine Metallentfernung überhaupt erforderlich ist, hängt vor allem vom Alter des Patienten ab; bei jüngeren Patienten sollte sie allerdings immer erfolgen, da sich die Entfernung der verwendeten Titan-Implantate nach vielen Jahren oft sehr schwer gestaltet.

Behandlung der Weichteile (Weichteil-Management)

Bei den Knochen- und Gelenkverletzungen spielt der begleitende Weichteilschaden eine erhebliche Rolle und bestimmt im weiteren Verlauf die Prognose des Heilungsprozesses. Haut, Unterhaut, Muskulatur, Sehnen, Blutgefäße und Nerven können sowohl von außen wie auch von innen in unterschiedlichem Ausmaß geschädigt werden. Dies schnellstmöglich und vollständig zu erkennen und in das Behandlungsregime mit einzubeziehen, erfordert viel Erfahrung und das gesamte Spektrum der konservativen und operativen Möglichkeiten.

Begriffserklärung

  • Kontusion: Weichteilquetschung
  • Kompartment: In sich geschlossener Weichteilraum; enthält Muskeln und/oder Blutgefäße und Nerven
  • Kompartment-Syndrom: Druckerhöhung in einem Kompartment durch Verletzung von innen oder außen; Folge ist eine Minderdurchblutung mit Absterben der im Kompartment vorhandenen Organstrukturen
  • Nekrose: Absterben von Gewebe
  • Vakuumversiegelung: Schutz offener Wunden durch Abdichten mit Kunststoffschwämmen und Folien unter Unterdruckbehandlung; dient auch der Säuberung von Wunden durch Flüssigkeitableitung und Förderung von Ersatzgewebebildung
  • Meshgraft-Plastik: Spalthauttransplantation (= obere Teilschicht der Haut; ca. 0,3 - 04 mm dick) bei Haut-/Unterhautdefekten mit verschiedenen Expansionsdimensionen (1: 1,5; 1: 3 etc.)
  • Vollhaut-Plastik: Transplantation von Haut mit voller Schichtdicke
  • Lokale Lappenplastik: Verschieben von Haut, Faszie und/oder Muskel im Bereich eines Defektes zur Deckung desselben
  • Fernlappen-Plastik: Entnahme von Haut, Faszie und/oder Muskel an einer defektfernen Stelle und Einpflanzen im Defektbereich mit Gefäßanschluss lokal

DIAGNOSTIK

Die wichtigste Maßnahme ist die eingehende klinische Untersuchung der verletzten Extremität und Erfassung der begleitenden Weichteilverletzungen (Haut, Unterhaut, Muskulatur, Blutgefäße, Nerven). Erst danach schließt sich die apparative Erfassung des weiteren Verletzungsmusters an. Regelmäßige engmaschige klinische Verlaufskontrollen sind bei kritischem Befund obligat. Klinische Untersuchung mit Erheben des Nerven-/Gefäßstatus; engmaschige Verlaufskontrollen Doppler-Untersuchung der Gefäße ggf. Angio-Computertomographie. 

KONSERVATIVE THERAPIE

Nur bei sicher stabilen Weichteilverhältnissen ist eine konservative Therapie erlaubt. Reine Weichteilschwellungen werden unter Hochlagerung, lokaler Kühlung und Gabe von abschwellenden und schmerzstillenden Medikamenten behandelt. Stärkere Schwellungszustände erfordern zusätzlich die Entstauung mittels AV-Pumpe und zusätzlicher Verordnung von Lymphdrainagen. Regelmäßige Nachkontrollen des Weichteilstatus sind unbedingt erforderlich, um einen dauernden Überblick über den Heilverlauf zu haben.

OPERATIVE THERAPIE

Bei der klinischen Eingangsuntersuchung entscheidet sich in der Regel bereits die Indikation zur konservativen oder operativen Therapie. Dies erfordert langjährige Erfahrung in der Beurteilung solcher Verletzungsformen. Die meisten "Behandlungskatastrophen" entstehen durch eine falsche Beurteilung der Weichteilsituation! Drohende Kompartment-Syndrome sind umgehend vollständig zu spalten; Druckmessgeräte sind bei den oft polytraumatisierten Patienten und ihren Kreislaufinstabilitäten wenig hilfreich. Quetsch- und Ablederungsverletzungen müssen bei Erwachsenen primär im Gesunden entfernt werden, um sekundäre lokale und generalisierte Infektionen zu verhindern; Ausnahmen sind lediglich bei Kindern mit ihrem höheren Regenerationspotenzial erlaubt. Offene Brüche, begleitende Nerven- und Gefäßverletzungen werden sofort notfallmäßig versorgt. Hierbei arbeiten Unfall, Neuro- und Gefäßchirurgen interdisziplinär seit Jahren eng zusammen.

NACHBEHANDLUNG

Gerade die Komplexverletzungen einer Extremität mit kombinierter Knochen-/ Weichteilverletzung erfordert bereits während der Akutbehandlung eine intensive Begleitung mit physiotherapeutischer Bewegungstherapie, um Einsteifungen der Gelenke und Funktionsverluste durch Muskelabbau zu verhindern. Im Anschluss an die Krankenhausbehandlung ist eine Rehabilitationsbehandlung in Abhängigkeit von der Belastbarkeit in der Regel angezeigt oder erfolgt dann, wenn eine steigende Belastbarkeit möglich ist. Bei Muskel- und Gefäß-/Nervenverletzungen mit bleibenden Schäden werden neben operativen Maßnahmen (motorischer Muskelersatz; Nerventransplantation etc.) alle konservativen Maßnahmen der Orthopädiemechanik mit orthopädischen Hilfsmitteln zur Wiederherstellung der Gebrauchsfähigkeit der verletzten Extremität eingesetzt.

Knochenverlängerung

Unter Kallus-Distraktion versteht man das kontrollierte Verlängern eines Knochens ohne oder mit gleichzeitiger Achskorrektur. Dabei wird der Knochen zunächst knochenbruchfern operativ durchtrennt (= Osteotomie/Kortikotomie), für 7 - 10 Tage zusammengedrückt (= komprimiert) und dann pro Tag um 1 mm auseinandergezogen. Dabei bildet sich im Knochenspalt neuer Knochen (= Kallus), der während des gesamten Knochentransports in die Länge gezogen wird und sich dadurch fortlaufend neuer Knochen bildet. Dabei entsteht im Bereich der Knochenschäfte ein neues Knochenrohr, im Bereich von Gelenken massiver Knochen. Der Prozess muss durch Röntgenaufnahmen kontrolliert werden, um Abrisse des Kallus oder frühzeitige Verknöcherungen des Osteotomiespalts frühzeitig zu erkennen und zu korrigieren.

Die Stützung des Knochens erfolgt in der Regel mit einem äußeren Stabilisator, dem Transport-Fixateur externe; daneben existieren auch sog. Transport-Nägel, die in den Knochen eingebracht und von außen elektrisch gesteuert werden. Im Fall einer Fixateur-Stabilisierung wird der Fixateur bei beginnder Ausreifung des Kallus gegen einen im Knochen liegenden Marknagel ersetzt. Die Ausreifung des Kallus benötigt etwa die drei- bis vierfache Zeit des Knochentransportes. Hierbei sind die Gesamtzeiten bei Kindern und Jugendlichen kürzer als bei Erwachsenen.

Die Indikation zum Knochentransport ergibt sich bereits bei der Primäroperation eines offenen Bruches: liegen vom Gewebe vollständig abgelöste Knochentrümmer ohne Blutversorgung vor und/oder sind die Knochenenden nicht mehr von Knochenhaut (= Periost) bedeckt oder sind Knochenteile mit eingesprengten Fremdkörpern derart verunreinigt, dass eine Säuberung nicht mehr möglich ist, erfolgt eine sofortige Entfernung alles nicht mehr überlebens- und heilungsfähigen Knochens und damit die direkte Verkürzung des verletzten Knochens. In der Regel lassen sich dadurch auch die über dem Knochenbruch liegenden Komplikationswunden schließen.

Bei vorhandenen schweren Weichteilschäden einer Extremität ist ebenfalls an die Möglichkeit einer primären Verkürzung einer Extremität zu denken, um freiligenden Knochen und/oder Nerven-Gefäßstrukturen mit Weichgewebe bedecken zu können. Diese Indikation ist aber aufgrund der Einführung von Vakuumsystemen seltener geworden. Weitere Indikationen ergeben sich bei der Korrektur angeborener oder erworbener Fehlstellungen oder bei Extremitätenmissbildungen. Aus dem kosmetisch-operativen Bereich ist die Extremitätenverlängerung bei kleiner Körpergröße zu nennen.

Begriffserklärung

  • Kallus: Neu gebildeter, noch nicht ausgereifter Knochen
  • Kallogenese: Entstehung neuen Knochens
  • Kallus-Distraktion: Auseinanderziehen des neu gebildeten Knochens
  • Osteotomie/Kortikotomie: Operatives Durchtrennen eines Knochens
  • Transport-Fixateur externe: Äußerer Festhalter des Knochens mit Verlängerungsmöglichkeit über eine Metallspindel und spezielle Hülsen und Muttern
  • Transportnagel: Im Knochen liegender Metallnagel mit Motorantrieb, der von außen gesteuert eine Knochenverlängerung ermöglicht
  • Komplikationswunde: Offene Wunde an der Extremität mit freiliegendem Knochen, geschädigter oder fehlender Haut, Verletzung von Muskulatur und/oder Nerven-/Gefäßstrukturen
  • Vakuumversiegelung: Unterdrucksystem, bestehend aus einem Kunststoffschwamm und einer abdichtenden Plastikfolie zur Weichteilbehandlung offener Wunden
  • Segment-Transport: Transport eines Knochenstücks von der Durchtrennungsstelle in eine bestehende Knochenlücke hinein, um den Defekt aufzufüllen
  • Docking-Stelle: Kontaktstelle von transportiertem Knochensegment und dem vorhandenen Knochen am Ende der Transportstrecke

Operative Therapie

Die operative Versorgung besteht in einer subtilen Reinigung der Komplikationswunde unter Entfernung aller avitaler Weichgewebe- und Knochenstrukturen bis in gesundes gut durchblutetes Gewebe hinein und die Verkürzung des Knochens mit direktem Knochenkontakt ohne Einbringen von Osteosynthesematerial, da dies einen potentiell infektgefährdeten Fremdkörper darstellen würde. Der Weichteilmantel wird nach Anlage des stabilisierenden Fixateur externe entweder primär unter Einlage von Drainagen verschlossen oder mit einer Vakuumversiegelung versehen. Ggf. erfolgt frühzeitig eine Deckung mit ortständigen oder freien Weichteillappen. Nach Weichteilkonditionierung wird der Transport-Fixateur externe angelegt und der Knochen fern der ehemaligen Komplikationswunde durchtrennt, um den Knochentransport zu ermöglichen. Ist der Knochentransport abgeschlossen und der Kallus gereift, können die sog. "Docking-Stellen" mittels kleinen Titanplatten zusätzlich stabilisiert werden, um eine schnellere Ausheilung zu erreichen.

Nachbehandlung

Die Behandlung der Patienten umfasst während des stationären Aufenthaltes neben einem intensiven Weichteilmanagement eine begleitende Physiotherapie mit Lymphdrainagen, AV-Pumpe und krankengymnastischer Übungsbehandlung zur Vermeidung von Muskelschrumpfungen mit Fehlstellung von Fingern und Zehen, Gelenkkapselschrumpfungen und Muskelabbau aufgrund von Ruhigstellung und verminderter Belastung. Nicht zu vergessen ist eine psychologische Unterstützung der Patienten durch alle an der Behandlung Beteiligter, da die Behandlung sehr lange dauert und im Gesamtverlauf belastend ist. Eine psychosomatische Mitbetreuung erleichtert den Betroffenen sowohl die Verarbeitung des Unfalltraumas wie auch den weiteren Krankheitsverlauf. Nach Kallusreifung und Konversion vom Transport-Fixateur externe auf eine intramedulläre Stabilisierung (Marknagel) erfolgt eine intensive ambulante oder stationäre Rehabilitationsbehandlung. Die Implantatentfernung wird nicht vor Ablauf von zwei Jahren nach Kallusausreifung durchgeführt. Verbliebene Beinverkürzungen oder Fehlstellungen im Extremitätenbereich weden entsprechend mit orthopädischen Hilfsmitteln versorgt, falls sie nicht operativ korrigiert werden können.