Hüft-Endoprothetik (künstliches Hüftgelenk)

Verschleißerkrankungen (= Arthrose) des Hüftgelenkes können durch Schmerzen, Bewegungseinschränkungen, verminderte Belastbarkeit und Einschränkungen der Mobilität zu einer erheblichen Verminderung der Lebensqualität führen. Der künstliche Gelenkersatz stellt in diesen Fällen nach konservativer Behandlung und Schmerztherapie eine sinnvolle Massnahme dar, um Schmerzfreiheit zu erreichen und die Mobilität zu verbessern.

In der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie 1 werden alle Arten des Hüftgelenkersatzes und Prothesenwechseloperationen durchgeführt. Vorzugsweise wird die zementfreie Endoprothesenimplantation mit einer computergestützten Navigation eingesetzt. Die Navigationstechnik ermöglicht einen präziseren Einbau der Hüftgelenkpfanne und eine genauere Implantation des Prothesenschaftes im Hinblick auf die Beinlänge.

Üblicherweise wird beim Einsatz eines künstlichen Hüftgelenkes der Hüftkopf mit dem Oberschenkelhals entfernt. Hierzu wird in Rückenlage ein ca. 10 - 15 cm langer Hautschnitt an der Außenseite der Hüfte oder in Seitenlage ein entsprechend langer Hautschnitt angelegt. Nach Ablösung der Muskulatur wird die Übersicht im Gelenk durch schonende Weichteilhaken hergestellt. Die durch die Arthrose zerstörte Hüftgelenkpfanne wird durch eine künstliche Pfanne aus Kunststoff, Metall oder Keramik ersetzt. In dem Oberschenkelknochen wird ein Metallschaft aus Implantat-Stahl oder Titan verankert, der über einen Prothesenhals und den kugelförmigen Prothesenkopf mit der künstlichen Pfanne ein Gelenk bildet.

Diagnostik

Die präoperative Diagnostik umfasst neben der Erhebung des Krankheitsverlaufs, einer eingehenden klinischen Untersuchung des Patienten eine falladaptierte Röntgendiagnostik:

  • Klinische Untersuchung
  • Laboruntersuchungen (Leucocyten, CRP)
  • (Allergie-Testung)
  • Konventionelle Röntgenaufnahmen (Beckenübersicht, Hüftgelenk axial)
  • Kernspintomographie (MRT) zur Abklärung von Knochennekrosen
  • (Computertomographie (CT) nur bei speziellen Fragestellungen)
  • (Knochenszintigraphie) 

Navigation

In der Hüftgelenkschirurgie steht uns die Möglichkeit der navigationsgestützten Implantation von zementfreien und zementierten Prothesen zur Verfügung (OrthoPilot®).

Ziel ist eine anatomisch und funktionell korrekte Implantation der Pfanne sowie eine korrekte Prothesenstielpositionierung bzgl. der Höhe (= Beinlänge) und des Offsets (= Vermeidung einer Seitverschiebung des Beines nach innen oder außen). Hierzu werden Passiv-Infrarot-Sender intraoperativ am hüftgelenknahen Becken sowie am oberen Oberschenkelknochen befestigt (innerhalb des Operationsgebietes). Der Computer nimmt die Hüftgelenkdaten auf und berechnet hieraus die Position der neuen Pfanne sowie des Prothesenstiels.

Die Operationsdauer verlängert sich nicht wesentlich (ca. 10 - 15 Minuten). Geeignet sind allerdings nur relativ schlanke Patienten, da sich sonst eine zu große Messungenauigkeit beim Abgreifen der äußeren Messpunkte ergibt.

Prothesentypen

Durch die enorme Weiterentwicklungen in der Hüftendoprothetik stehen uns heute eine große Auswahl an verschiedenen Prothesenarten zur Verfügung, die je nach Voraussetzungen des Patienten angewandt werden.

Unser Prothesensystem erlaubt aufgrund seiner Kompatibilität die problemlose Auswahl zwischen zementfreien und zementierbaren Komponenten, Schäften aus Stahl oder Titan, Pfannen aus Kunststoff (PE = Polyaethylen) oder Keramik sowie Prothesenköpfen aus Stahl oder Keramik. Bei den Prothesenschäften verfügen wir über Spezialformen bei Dysplasie-Hüften sowie über variable Schäfte zum Verkleinern oder Vergrößern des sog. Offsets der Gesamt-Prothese.

Als neueste Entwicklung verwenden wir jetzt 36 mm durchmessende Keramikköpfe mit den dazugehörigen Keramikpfannen, die ein noch besseres Abriebverhalten sowie eine verringerte Luxationstendenz aufweisen.

Der Bewegungsumfang der implantierten Hüftprothese hängt von der Stellung der Hüftpfanne, der Dicke des Prothesenhalses wie auch vom Kopfdurchmesser des verwendeten Prothesensteckkopfes ab. Die Hüftpfanne sollte korrekterweise eine seitliche Kippung (= Inklination) von 45° ± 5° und eine Drehung nach vorne (= Anteversion) von 15° ± 10° aufweisen. Bei der Variation der Prothesenhalsdicke begrenzen die mechanische Stabilität (Gewicht des Patienten!) die Variabilität. Standard ist der 12/14-mm-Konus. Zusätzlich gibt es Prothesenschäfte mit Konus 8/10.

Durch eine Vergrößerung des Prothesenkopfdurchmessers lassen sich die Freiheitsgrade der Prothesenbeweglichkeit dahingehend erhöhen, dass der Prothesenhals nicht am Pfannenrand anstößt (= Impingement) und damit die Pfanne beschädigt und/oder den Prothesenkopf aus der Pfanne heraushebelt (Subluxation; Luxation).

Metall-/Knochenzement-Allergie

Allergien auf bestimmte Metall- und/oder Knochenzementkomponenten sind sehr selten, führen aber für den Patienten zu sehr unangenehmen anhaltenden Beschwerden:

  • Persistierende Gelenkschmerzen
  • sog. Schaftschmerz der Prothese
  • Rezidivierende Schwellung mit Ergussbildung
  • Hautrötung/Hautausschläge
  • Nichtbelastbarkeit der Extremität
  • Prothesenlockerung

Bei dieser Symptomkonstellation ist trotz aller heutiger Untersuchungsmöglichkeit die Differenzierung gegen einen schleichenden Protheseninfekt nicht immer möglich. Deshalb befragen wir jeden Patienten/-in bei Indikationsstellung zur Prothesenimplantation über bestehende Allergien, insbesondere bereits bekannte Metall-Allergien.

Bei positiver Allergieanamnese oder Verdacht erfolgt eine hautärztliche Allergietestung auf Metall- und Knochenzementbestandteile:

  • Metall-Komponenten: Nickel, Kobalt, Chrom, Mangan, Molybdän, Vanadium, Titan
  • Knochenzement-Komponenten: Gentamycin, Benzoylperoxid, Hydrochinon, NN-Dimethyl-p-Toluidin, Methylmethacrylat (MMA), 2-Hydroxy-Ethyl-Methacrylat (HEMA), Kupfer(II)Sulfat

Hierzu wird eine sog. "Epicutantestung" durchgeführt, um mögliche allergische Reaktionen auf Prothesen- und/oder Knochenzementbestandteile ausschließen oder bestätigen zu können. Im Fall einer positiven Allergietestung implantieren wir einen Titan-Prothesenschaft mit Keramik-Kopf, Keramik- oder PE-Pfanne (Polyaethylen), der zementfrei oder zementiert eingebracht werden kann. Spezial-Prothesen wie bei der Knie-Prothetik sind nicht erforderlich, sondern sind bereits seit Jahren etabliert.

Altersgrenze

Als Altersgrenze für die Implantation eines künstlichen Hüftgelenks wird im Allgemeinen das 60. bis 65. Lebensjahr angegeben. Bisher haben Hüftgelenksendoprothesen bei jüngeren Patienten eher zu den Seltenheiten gehört. Hinter der traditionellen Altersbegrenzung steht die Tatsache, dass bei allen Endoprothesen mit einer Lockerung nach ca. 15 - 20 Jahren zu rechnen ist und dann ein weiterer operativer Eingriff als Prothesenwechsel erforderlich ist.

Zementfreie Hüftprothese

Der zementfreie Einbau einer Hüftendoprothese stellt heute den "Gold-Standard" dar, setzt aber voraus, dass eine ausreichende Knochenfestigkeit vorhanden ist. Die Prothese muss nach dem Einbau sowohl in der Hüftgelenkpfanne als auch im Oberschenkel stabil verankert sein. Der definitive Einbau des Implantats geschieht danach durch Einwachsen von Knochenbälkchen in die Oberfläche der Hüftprothese.

Wir verwenden eine mit Titanplasma beschichtete Metallpfanne mit Einsätzen aus Keramik oder hochvernetztem Kunststoff (Polyaethylen) und einen Prothesenschaft aus Titan mit einer gleichen Beschichtung. Diese Technik macht ein zeitweise Entlastung des operierten Beines erforderlich, da die Einheilungsvorgänge nicht durch zu hohe Belastungen gestört werden sollte.

Vorteil der zementfreien Prothesenimplantation ist der einfachere Wechsel im Falle einer Prothesenlockerung, da kein Knochenzement aus dem Becken und/oder Oberschenkelknochen entfernt werden muss.

Zementierte Hüftprothese

Die zementierte Verankerung von künstlichen Hüftgelenken kommt immer dann zum Einsatz, wenn eine ausreichend stabile Verankerung der Prothesenkomponenten im Gelenk nicht möglich. Dies ist häufig bei Osteoporose der Fall. Um dennoch eine genügende Stabilität der Hüftprothese im Knochen zu erreichen, wird so genannter "Knochenzement" verwendet. Es handelt sich um einen schnell härtenden Kunststoff, der nach ca. 10 - 12 Minuten ausgehärtet und voll belastbar ist. Um die dauerhafte Haltbarkeit der Zementverankerung zu verbessern, wird die Anmischung des Materials unter Vakuum vorgenommen. So können kleine Lufteinschlüsse vermieden werden. Die verwendeten Prothesenschäfte bestehen aus einer hochwertigen Stahllegierung, die Hüftgelenkpfannen aus einem Polyaethylen-Kunststoff.

Das von uns verwendete Endoprothesensystem erlaubt es wegen der einheitlichen äußeren Prothesenform noch während der Operation von einer zementierten auf eine zementfreie Prothese umzusteigen, ohne dass ein größerer operativer Aufwand entsteht. Selbstverständlich ist auch der umgekehrte Wechsel möglich. Auch die Kombination von zementierter Pfanne und zementfreiem Schaft "Hybrid-Prothese" läßt sich ohne weiteres bewerkstelligen. Postoperativ ist sofort Vollbelastung des operierten Beines möglich.

Duokopf-Prothese-Oberschenkelhalsbrüche

Neben Arthrosen stellen die Brüche des Oberschenkelhalses ein großes Anwendungsgebiet für Hüftendoprothesen dar. In den meisten Fällen handelt es sich um ältere Menschen, bei denen eine rasche Mobilisierung zur Vermeidung von Bettlägrigkeit notwendig ist.

In diesen Fällen wird man regelhaft eine zementierte Prothesenform wählen. Häufig wird sogar auf den Ersatz der Hüftgelenkpfanne verzichtet. Die angewendete Duokopfprothese wird mit einem zweiteiligen Prothesenkopf versehen, der dem Durchmesser des natürlichen Hüftkopfes entspricht. Dadurch verkürzt sich die Operationsdauer und Belastung der meist multimorbiden Patienten. Nach einer solchen Versorgung ist eine unmittelbare Mobilisierung des Patienten möglich.

Sonderprothesen: Kurzschaft-Prothese

Bei Zerstörung des Oberschenkelkopfes durch Minderdurchblutung oder nach Unfällen besteht die Möglichkeit der Kurzschaftprothesenimplantation. Es handelt sich um Operationstechniken, bei denen der Knochenverlust deutlich geringer ausfällt als bei der konventionellen Prothesenversorgung. Ersetzt wird die zerstörte Gelenkpfanne; am Oberschenkel wird lediglich der Kopf entfernt unter Belassen des Schenkelhalses. Die Krafteinleitung erfolgt im oberen (= metaphysären) Bereich des Oberschenkelknochens.

Die Prothese (METHA®) selbst besteht aus drei Teilen, dem Schaft, einem Konus und einem Kopf. Je nach Patientensituation kann jeder der drei Komponenten in seiner Größe/Ausrichtung variiert werden. Bei einer eventuellen Lockerung kann dann in der Regel eine konventionelle Schaftprothese implantiert werden. Weitere Informationen zu Kurzschaftprothesen erhalten Sie unter www.kurzschaft.de.

Nachbehandlung

Entscheidend für den Erfolg der Operation und die Haltbarkeit des Hüftgelenks ist sowohl die Nachbehandlung als auch das Verhalten nach der Operation. Noch im Krankenhaus wird durch erfahrene Physiotherapeuten die Bewegung und Belastung geübt. Zur Intensivierung empfiehlt sich in vielen Fällen eine Anschlussheilbehandlung, die in einer ambulanten oder stationären Rehabilitationseinrichtung durchgeführt werden kann.

Nachsorge

Bei der implantierten Hüftprothese handelt es sich um ein künstliches Gelenk, das im weiteren Verlauf regelmäßig kontrolliert werden muss. Von einer durchschnittlichen Haltbarkeit sowohl der zementierten wie auch der zementfreien Ausführung von 15 Jahren kann ausgegangen werden.

Postoperativ sollten nach 3, 6 und 12 Monaten eine klinische Untersuchung des Hüftgelenks sowie Röntgenverlaufskontrollen erfolgen, später in jährlichem Abstand. Dabei ist es sinnvoll, die genannten Untersuchungen immer beim selben Arzt vornehmen zu lassen, damit durch Vergleich eventuelle Veränderungen des Prothesensitzes (= Lockerung) oder der Prothese selbst (= Verschleiß) sofort erkannt und ggf. frühzeitig behandelt werden können.