Die Anästhesie-Ambulanz

Unser Institut verfügt über eine Prämedikationsambulanz, in der sowohl stationäre, vorstationäre als auch ambulante Patienten mindestens einen Tag vor der geplanten Operation untersucht, aufgeklärt und beraten werden. Bettlägerige Patienten werden auf der jeweiligen Station visitiert. Bei Notfällen kann das Prämedikationsgespräch auch noch unmittelbar vor der Operation erfolgen. Nach audiovisueller Aufklärung erhalten alle Patienten im Gespräch mit einem Anästhesisten

Informationen zu den Narkoseformen und zum Ablauf der Narkose

In dem Gespräch werden auch Fragen und Wünsche der Patienten bezüglich der bevorstehenden Operation erörtert sowie spezielle Risiken und das individuell günstigste Anästhesieverfahren besprochen. Im Rahmen der Erhebung der Krankengeschichte und einer körperlichen Untersuchung werden die Nebenerkrankungen jedes Patienten erfasst und beurteilt. Dazu gehört neben der Einschätzung der körperlichen Belastbarkeit auch die Einleitung notwendiger Zusatzdiagnostik (Röntgen-Thorax, EKG, Lungenfunktionsdiagnostik, Echokardiographie, etc.).

Spezielle Fragebögen, die vom Patienten vor dem Prämedikationsgespräch ausgefüllt werden sollen, oder mitgebrachte Arztbriefe zu relevanten Erkrankungen können dabei von großem Nutzen sein. Zur Prämedikation stehen 4 separate Räume zur Verfügung, in dem je ein Computerarbeitsplatz den Zugang zum Patienteninformationssystem (Orbis) ermöglicht.

Anästhesiologische Voruntersuchungen Hotline für die niedergelassene Kollegen (0631) 203-1000 Institut für Anästhesiologie u. Notfallmedizin des Westpfalz-Klinikums Kaiserslautern Standort I In Anlehnung an die Leitlinie zur anästhesiologischen Voruntersuchung der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin / Berufsverband Deutscher Anästhesisten. Anästh. Intensivmed. 39 (1998) 204 – 205

Zusätzliche Untersuchungen nach Anforderungen der operativen Kliniken sind möglich. Art und Umfang der Voruntersuchung abhängig von Alter, Allgemeinzustand des Patienten, Art und Schwere des Eingriffs, Art und Dauer des Anästhesieverfahrens Unverzichtbar (Ausnahme Notfälle). Gründliche Anamnese (Aufklärungs-/Anamnesebogen) Körperliche Untersuchung Auswertung vom Patienten mitgebrachter oder im Krankenhaus erhobener Vorbefunde EKG: Kein EKG bei organgesunden Patienten in jungen und mittleren Lebensjahren ohne spezifische Risikohinweise EKG routinemäßig ab 60 Jahren EKG in jüngeren Jahren bei folgenden Risikofaktoren: Infarktanamnese oder neu aufgetretene Angina pectoris erhöhtes kardiales Risiko und chirurgischer Eingriff mit mittlerem oder erhöhtem Risiko Diabetes mellitus (auch bei asymptomatischen Patienten) Zustand nach Koronarrevaskularisierung asymptomatische Patienten mit 2 oder mehr Risikofaktoren für eine KHK frühere Krankenhausaufenthalte aufgrund kardiovaskulärer Erkrankungen EKG nicht älter als 6 Monate Röntgen-Thorax: Keine routinemäßige Untersuchung! Labor: Gerinnung (Quick, PTT, Thrombozyten) bei Anforderung der operativen Kliniken vor geplanter Regionalanästhesie Laborwerte je nach Vorerkrankung. Präoperative Nüchternzeit Nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Anästhesie (DGAI) und des Berufsverbands Deutscher Anästhesisten (BDA) (2004).

Präoperatives Nüchternheitsgebot bei elektiven Eingriffen

Anästhesiol. Intensivmed. 54:722

Nahrung in Form einer kleinen Mahlzeit (z.B. Scheibe Weißbrot mit Marmelade, 1 Glas Milch) kann bis 6 Stunden vor Narkoseeinleitung eingenommen werden

Bis 2 Stunden vor Narkoseeinleitung ist die Aufnahme kleiner Mengen (ein – zwei Gläser/Tassen) klarer Flüssigkeiten (z.B. Mineralwasser, Limonade, Tee oder Kaffee ohne Milch) erlaubt. Stillen von Neugeborenen und Säuglingen ist bis 4 Stunden vor der Narkoseeinleitung erlaubt.

Einnahme von Dauermedikamenten und Prämedikation nur nach Anweisung des Anästhesisten mit einem Schluck Wasser bis kurz vor der OP möglich. Bei Patienten mit Prädispositionsfaktoren für Aspiration gelten die Anweisungen des Anästhesisten.

Die audiovisuell unterstützte Patientenaufklärung

Die audiovisuelle Aufklärung im Rahmen der anästhesiologischen Vorbereitung ist ein Baustein der Stufenaufklärung neben dem vom Berufsverband der Deutschen Anästhesisten empfohlenen Aufklärungsbogen und dem von der Rechtsprechung geforderten Arzt-Patientengespräch.

Unabhängig vom Alter ist der Patient im Medienzeitalter an diese Form der Informationsübermittlung gewöhnt. Die einzelnen Module der Filme sind so kombiniert, dass jeder Patient über Vorgehen und Risiken des geplanten Anästhesieverfahrens und mögliche alternative Verfahren aufgeklärt wird. Die Inhalte orientieren sich an den Texten der schon erwähnten Aufklärungsbögen.

Der kürzeste Film (Larynxmaske + Intubationsnarkose) dauert 11, der längste Film 30 Minuten. Die Vorführung erfolgt über Fernsehen und DVD-Player für mehrere Patienten gleichzeitig im sogenannten „Kinoraum“, oder über tragbare DVD-Player mit Kopfhörern zur Einzelbetrachtung. Letztere Form ist besonders für die langen Filme gegeben, da sonst der Kinoraum zu lange blockiert ist, und für Eltern mit Kindern, die auf diese Weise auch die Möglichkeit der audiovisuell unterstützten Aufklärung wahrnehmen können. Der Patient bekommt so identische Aufklärungsinhalte vermittelt; ärztlicherseits kann aufgrund der audiovisuell vermittelten Vorinformationen verstärkt auf das individuelle Risiko des Patienten eingegangen werden.

Geschichte der Anästhesieambulanz

Die Voruntersuchung eines Patienten hat einen entscheidenden Einfluss auf anästhesiebedingte Komplikationen [Madler et al. 1996]. So konnten LUTZ et al. schon 1982 zeigen, dass die Komplikationsrate bei einer Allgemeinanästhesie ohne Voruntersuchung 8,1% und bei voruntersuchten Patienten je nach pathologischen Befunden 1,8–5,6% betrug [Lutz et al. 1982].

Obligat sollte daher auch aus forensischen Gründen eine Voruntersuchung durchgeführt werden – traditionell als Prämedikationsvisite am Vorabend des geplanten Eingriffs auf der Bettenstation, möglichst durch den narkoseführenden Anästhesisten. Die Voruntersuchung hat sich dabei im Wesentlichen auf die Risikostratifizierung und die Anforderung von Zusatzuntersuchungen konzentriert. Dabei verkam jedoch das – im ärztlichen Bereich sonst selbstverständliche – persönliche Gespräch mit dem Patienten zu einer Aufklärung „in letzter Minute“ mit unbeteiligten Zuhörern (Bettnachbarn) ohne wirkliche Information des Patienten [Dick 1997].

Eine solche „Aufklärung“ ist inzwischen auch rechtlich bedenklich, zudem hat die zunehmende Kundenorientierung im Gesundheitswesen und die geringe Akzeptanz eines solchen Vorgehens bei Anästhesisten mit der arbeitsrechtlichen Begrenzung der Arbeitszeit schon lange eine Änderung dieses Konzepts erforderlich gemacht.

In den USA wurde daher schon Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine Einrichtung innerhalb der Anästhesiologie geschaffen, in der die Patienten am Morgen bzw. Nachmittag des Tages vor der OP vorstellig werden – eben eine Ambulanz – und somit eine Umkehr des bisherigen Vorgehens. Diese Ambulanz wird als „preoperative anaesthetic clinic“, „preoperative anaesthetic day clinic“, „preoperative assessment clinic“ oder „preoperative evaluation clinic“ bezeichnet. Mitte bis Ende der 1970er Jahre wurden auch in Deutschland solche Einrichtungen eröffnet. Insbesondere Publikationen von DICK haben hierzu beigetragen [Dick et al. 1978, 1985].

Inzwischen hat diese Einrichtung zahlreiche Namen bekommen. DICK selbst bevorzugt die Bezeichnung „Anästhesiesprechstunde“ [Dick 1997], auch die Bezeichnungen „Ambulante Anästhesie-Sprechstunde“, „Anästhesiologische Poliklinik“, „Prämedikationssprechstunde“, „Prämedikationsambulanz“ und „Präanästhesiesprechstunde“ sind heute üblich. Dabei waren die primären Ziele evident: verkürzte Wege- und Wartezeiten für den Anästhesisten bessere Akzeptanz der Voruntersuchung bei Anästhesisten durch zeitliche Vorverlagerung (d. h. nicht mehr nach Ende des OP-Programms, also oft nach 16:00 Uhr).

Nach ersten Erfahrungsberichten wurden weitere Ziele der Etablierung einer solchen Einrichtung definiert [nach Dick et al., 1978]:

  • Verbesserung der präoperativen Situation der Patienten im Hinblick auf Anästhesie, Operation und postoperative Phase
  • verbesserte Arzt-Patienten-Beziehung unter Beachtung der Privatsphäre des Patienten
  • Verminderung des Anästhesierisikos durch rechtzeitige Durchführung erforderlicher Voruntersuchungen und -behandlungen
  • Kostenreduktion durch Verlagerung der teuren stationären Voruntersuchung in die preiswertere ambulante oder vorstationäre Phase.

Unserer Erfahrung nach könnten 80–90% der elektiv operierten Patienten in einer Klinik einer Maximalversorgung in der Anästhesieambulanz gesehen werden [Madler et al. 1996]. Als eigener Funktionsbereich wurde die Anästhesieambulanz aber erst Anfang der 1990er Jahre an großen Kliniken etabliert [Dick 1997]. Der Anteil von Anästhesieabteilungen mit Anästhesieambulanz wird regelmäßig in Umfragen des Bunds Deutscher Anästhesisten (BDA) ermittelt, die entsprechenden Zahlen dort nachzulesen.

Im Rahmen aktueller gesundheitspolitischer und anästhesiologischer Entwicklungen besteht offensichtlich zunehmend der Bedarf nach einer solchen Einrichtung, nicht nur in großen Kliniken, sondern auch in kleineren: In DRG-Zeiten gewinnen Ambulanzen im Rahmen der Kanalisierung von Patientenströmen und der Einführung von Patientenpfaden zunehmende Bedeutung, werden zum Aushängeschild eines Krankenhauses und sind mitentscheidend für die Patientenzufriedenheit [Rochell et al. 2001].

Dabei ist interessanterweise eines der entscheidenden Argumente für die Anästhesieambulanz 1978 von DICK formuliert worden: Die Kostenreduktion durch Verlagerung der teuren stationären Voruntersuchung in die preiswertere ambulante oder vorstationäre Phase [Dick et al.1978]. Es bestehen mittlerweile vielerlei Beziehungen der Anästhesieambulanz mit z. B. Diagnosekodierungen, OP-Management, Verteilung von Intensivbetten etc.

Die neuen Aufgaben der Anästhesieambulanz werden ausführlich im Kapitel 2 dargestellt. Aufgrund der neuen Aufgaben, die diese Einrichtung zu einem „Anästhesiemanagementzentrum“ [Dick 1997] werden lassen, bevorzugen wir den Begriff „Anästhesieambulanz“, der die weiteren Aufgaben besser beinhaltet als „Prämedikationsambulanz“, „Anästhesiesprechstunde“ etc.

Quelle: „Die Anästhesieambulanz“: Laux, Kawach (2006) Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin, S. 3 – 5
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Die Anästhesieambulanz im Umbruch –

Aufgaben der Anästhesieambulanz heute

Neue Aufgaben für die Anästhesieambulanz außerhalb der klassischen Prämedikation sind z. B.:

  • Kodierung von Nebendiagnosen (s. Beitrag „zentrale Kodierung von Nebendiagnosen“)
  • Mithilfe bei der Entwicklung von Patientenpfaden (s. Beitrag „Clinical Pathways (CP) und Standard Operating Procedures (SOPs) in der Anästhesieambulanz“)
  • Implementierung von Standard Operating Procedures Qualitätsmanagement (s. Kap. 16 „Qualitätsmanagement in der Anästhesieambulanz“)
  • Anmeldung von Intensivpatienten
  • zentrale Anlaufstelle für das OP-Management
  • Disposition von Privatpatienten
  • Hilfe für die Erstellung eines Anästhesiologischen Tagesverteilers ambulante Patienten
  • Rekrutierung von Patienten für klinische Studien

Quelle: „Die Anästhesieambulanz“ Laux, Kawach (2006) Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin, S. 10 – 11
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags